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Rollenkloschees - Warum eine Geschlechteridentität bei Kindern nicht angeboren, sondern erlernt ist.
Gedanken zum Familienleben

Jungs sind stark und Mädchen schön! Wie manifestieren sich Rollenbilder?

Über Rollenklischees in unserer Gesellschaft und warum eine Geschlechteridentität bei Kindern nicht angeboren, sondern erlernt ist.

Über Sexismus in der Sprache

Neulich haben wir zu Dritt einen Samstagsausflug gemacht. Zuerst waren wir beim Friseur und unsere Tochter bekam die Haare geschnitten. Fast kein Kind mag das besonders und so war auch unser Kind eher skeptisch mit der ganzen Sache. Gretas Mimik sprach Bände. Die Aussage der Friseurin: „Ja, das magst du wohl nicht. Aber die Mädchen wollen halt schön sein!“ Augenzwinkernd blickte sie zu uns hinüber. Ich ignorierte sie. Nicht, weil ich unhöflich sein wollte, sondern weil ich den Scherz unnötig und sexistisch fand. Erstens waren wir dort, damit meine Tochter hinter ihren Haaren wieder etwas sehen konnte. Nicht, weil sie mit zwei Jahren „Schön“ sein möchte. Also sorry, aber wenn ich das schreibe fällt mir die Absurdität des „Scherzes“ wieder auf. Zweitens hätte sie diesen Satz zu einem Jungen sicher niemals gesagt. Ein sehr gutes Beispiel für Stereotype und Geschlechterklischees in unserer Gesellschaft.

An zweiter Stelle führte sie im Übrigen noch auf, dass unsere Tochter ja wirklich sehr „brav“ auf dem Stuhl sitze. Ich bin mir sicher, ein Junge wäre in ihren Augen „tapfer“ oder „mutig“ gewesen.

Im Anschluss waren wir beim Schuhe kaufen. Gleiches Spiel mit anderen Phrasen noch einmal. „Welche Schuhgröße hat die Kleine denn?“ rief die Verkäuferin. „Größe 24 suchen wir.“ „Ach, da schaue ich mal, ob ich noch Mädchenschuhe im Lager habe“. Können Schuhe für Mädchen oder Jungen sein? Wohl offensichtlich schon. Ein Mädchen in blauen Stiefeln? Oder noch schlimmer/mutiger/… ein Junge in rosa Schuhen? Geht ja gar nicht. Zumindest in dem ein oder anderen Kopf nicht.

Was können Eltern bezüglich der Geschlechteridentität ihrer Kinder tun?

Was können Eltern bezüglich der Geschlechteridentität ihrer Kinder tun?

Rollenklischees spiegeln sich in der gesamten Umwelt der Kinder wider.

Ich könnte endlos viele Beispiele anführen. So ist im Buch „Wieso? Weshalb? Warum? – Die Feuerwehr“ nicht eine einzige Feuerwehr – Frau abgebildet. Hingegen ist das Fachpersonal im Buch „Der Kindergarten“ aus der gleichen Buchreihe ausschließlich weiblich. Bei Limango gibt es immer wieder einen Sale, der sich „Jungenwelten“ und „Mädchenwelten“ nennt. Ich brauche an dieser Stelle gewiss nicht erläutern, was wohl in welchem Sale verkauft wird. Autos auf der einen, Puppen auf der anderen Seite. Obwohl Kinder, zumindest bevor wir sie in unserer klaren Rollenbilder gezwängt haben, wirklich gerne mit beiden Dingen spielen. Vorausgesetzt wir ermöglichen es ihnen bzw. verweigern ihnen den Zugang dazu nicht. Doch unser Umfeld leistet hier ganze Arbeit, die Geschlechteridentitäten stark einseitig vorzuprägen.

Woher kommt das? Und sind Rollenklischees denn wirklich so schlimm?

Ja, sind sie. Denn unsere Sprache trägt viel dazu bei, dass ganz konkrete Rollenbilder nicht nur bestehen bleiben, sondern sich auch manifestieren. Auch wenn sie noch so scherzhaft gemeint ist. Damit legen wir auch unterschiedliche Erwartungshaltungen an unsere Kinder fest. Mal bewusst, mal unbewusst. Kurzum: Wir schränken sie in ihrer Entwicklung und vor allem in ihren Entfaltungsmöglichkeiten ein. Studien haben zum Beispiel herausgefunden, dass wir von Mädchen erwarten, sich sozial zu engagieren. Dass sie sich häufiger entschuldigen und im Streit nachgeben. Es kommt noch besser: Selbst Pädagog*innen neigen dazu, Mädchen häufiger zu unterbrechen als Jungen. Außerdem betonen oder heben wir öfters ihr Äußeres hervor. Z.B. ihre Schönheit oder ihre Kleidung. Bei Jungen hat sich gezeigt, dass wir von ihnen häufiger Tapferkeit erwarten. Und auch sich durchzusetzen, selbstbestimmt, klug, erfolgreich und stark zu sein.

Was Mädchen von uns lernen sollten.

Mit diesem Verhaltensmustern sind wir selbst groß gezogen worden. Und genauso tragen wir sie auch in die nächste Generation unserer Gesellschaft. Dabei bräuchten Frauen, die immer noch weniger Führungspositionen einnehmen und bei gleicher Qualifikation weniger verdienen, doch ganz dringend die Eigenschaft, sich auch mal durchzusetzen und selbstbestimmt zu sein. Sie bräuchten auch Vorbilder, die ihnen aufzeigen, dass eine Frau auch etwas reparieren, Karriere machen oder stark sein kann.

Und was Jungen von uns lernen sollten.

Und Jungen müssten ganz dringend lernen, dass Männlichkeit nicht im Widerspruch steht zu Sensibilität, Feinfühligkeit und Empathie. Eine Absurdität, denn viele Frauen finden es sehr anziehend, wenn Männer einfühlsam und in der Lage sind, über ihre Gefühle mit der Partnerin zu sprechen. Im Zuge dessen muss möchte ich auch anführen, dass Männer nach wie vor häufiger Suizid begehen. Im Schnitt sterben sie auch fünf Jahre früher als Frauen. Die Genderwissenschaft erklärt das unter anderem damit, dass Männer seltener, später oder gar nicht zum Arzt gehen. Sie haben gelernt, tapfer zu sein und alleine mit ihren Problemen fertig zu werden. Fürsorglichkeit wird wohl leider immer noch als eine eher weibliche Eigenschaft empfunden. Auch sich selbst gegenüber.

Wie sollten wir mit diesen Erkenntnissen zur Geschlechteridentität umgehen?

Hui! Eine Strategie aus diesem großen Thema zu finden ist wohl sehr schwer. Immerhin gibt es eine Wissenschaft, die sich ausschließlich dieses Thema zum Forschungsgegenstand gemacht hat. Ich denke leider nicht, dass unsere Gesellschaft kurz- oder mittelfristig in der Lage sein wird, die bestehenden Probleme, die auf unseren Rollenbildern beruhen, zu lösen.

In unserem Verhalten liegt auch der Schlüssel, die Geschlechteridentität unserer Kinder weniger einseitig vorzuprägen.

In unserem Verhalten liegt auch der Schlüssel, die Geschlechteridentität unserer Kinder weniger einseitig vorzuprägen.

Was können Eltern bezüglich der Geschlechteridentität ihrer Kinder tun?

Alle Eltern können sich hinterfragen, wie sie ihren Kindern selbst das Mann-sein und das Frau-sein vorleben. Und ob ihre Wünsche und ihre Erwartungen an die eigenen Kinder an ein vorgefertigtes Rollenbild gekoppelt sind.

Das fängt dann bei Kleidung an. Sie verkörpert nicht nur durch die Farbe eine Geschlechter – Stereotype, sondern hält auch häufig auch mit Aufschriften nicht hinterm Berg, was das Kind in die Welt tragen soll. Bei Mädchen T-Shirt steht dann häufig: „I am so cute“ oder „Princess“. Übersetzt könnte man auch sagen: Ich bin niedlich, lächle immer, bin freundlich. Die Erwartungshaltung der Geschlechterklischees zielt da ganz klar auf ein hübsches Äußeres und eine soziale Komponente. Bei Jungen findet man häufig Aufdrucke wie zum Beispiel: „Superhero“. Übersetzt: Ich bin stark, erfolgreich und klar in meinen Zielen. Alles nicht schlimm oder verboten, aber halt stereotyp. Vielleicht finden wir mit ein wenig Nachdenken aber auch andere Wege, die die Geschlechteridentitäten weniger einseitig prägen.

Fazit:

Wollen wir, dass unsere Kinder frei sind, sie in ihren Möglichkeiten unterstützen, statt einzuschränken und ihnen die Welt offen halten? Dann müssen wir genau da anfangen: Bei uns selbst. Und wir müssen uns hinterfragen, mit was wir unsere Kinder jeden Tag konfrontieren. Und wo wir vielleicht eine festgefahrene Denkstruktur loslassen müssen.

 

Für diesen Artikel habe ich mich nicht nur aus dem Umfeld meiner Tochter, sondern auch aus aus der zweiteiligen Dokumentation „No more Boys, no more girls“ aus der ZDF Mediathek inspirieren lassen. Auch die zitierten wissenschaftlichen Annahmen stammen aus dieser Dokumentation.

Wenn euch das Thema genauso sehr beschäftigt wie mich, kann ich sie euch wärmstens ans Herz legen. Schaut sie euch an so lange sie online ist. Mit Collien Fernandes, der Genderforscherin Dr. Stevie Schmiedel, dem Hirnforscher Dr. Gerald Hüther und Prof. Dr. Petra Focks, einer Pädagogin und Dozentin der KHSB Berlin. Bei Prof. Petra Focks habe ich selbst einige Semester Soziale Arbeit studiert.

Viel Spaß beim Reinschauen unter: https://www.zdf.de/dokumentation/no-more-boys-and-girls/sendung-eins-100.html

Wollen wir, dass unsere Kinder frei von Rollenklischees und Stereotypen der Geschlechteridentität sind? Dann müssen wir genau hier anfangen: Bei uns selbst.

Wollen wir, dass unsere Kinder frei von Rollenklischees und Stereotypen der Geschlechteridentität sind? Dann müssen wir genau hier anfangen: Bei uns selbst.

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