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Bei gleichberechtigter Elternschaft ist kein Elternteil ein Babysitter
Gedanken zum Familienleben

„Und der Papa ist heute der Babysitter?“

Wie eine ganze Gesellschaft sich beim Thema gleichberechtigte Elternschaft nicht aktualisieren kann

Halten wir uns auch selbst davon ab, gleichberechtigte Eltern zu sein? Ich möchte diesen Artikel mit einer kurzen Episode beginnen.

Neulich war ich abends bei einer Freundin eingeladen. Der Satz, als sie sah, dass ich ohne Familie in der Tür stand: „Ach, ist heute der Papa der Babysitter?“ Gemeint war das sicherlich als nettes Scherzchen. Es existiert die altmodische Vorstellung, dass die „Mama auch mal Ausgang hat“. Und dass der „ach so ultracoole Dad auch mal daheim alles alleine wuppen kann“. Sie wird gern gesehen und gerne auch mal mit einem unbedachten, oberflächlichen Witzchen untermalt. Man könnte jetzt auch sagen, da muss man ja wirklich nicht so empfindlich reagieren. Aber doch, das tue ich. Denn diese Aussage ist kein Witz, sondern meiner Ansicht nach eine bezeichnende Aussage aus den Köpfen meiner Generation.

Wie sollte ich also passend reagieren?

Vielleicht ganz sachlich: „Nein, der Papa ist kein Babysitter. Es ist genauso sein Kind wie es mein Kind ist, auf das er gerade achtet“. Oder auch: „Würdest du auch einen Mann fragen, ob die Mama heute Babysitter ist, wenn er alleine irgendwo aufkreuzt?“ All das habe ich nicht zu ihr gesagt. Mit dieser Diskussion wollte ich unsere Verabredung nicht beginnen. Also nett lächeln und winken? Auch nicht sehr authentisch und vor allem nicht sehr zukunftsorientiert. Insgeheim trage ich in mir schon den Wunsch, dass sich in dieser Hinsicht mal etwas in unseren Köpfen verändert. Ich schreibe also schreibe ich diesen Artikel.

Was steckt dahinter? – Über den Mangel an gleichberechtigter Elternschaft

An dieser Stelle möchte ich zunächst klar stellen, dass ich meiner Freundin dieses Verhalten nicht übel nehme. Meine Generation ist mit einer ganz klaren Rollenverteilung zwischen Mann und Frau aufgewachsen. All unsere Väter gingen arbeiten, die Mütter waren für den Haushalt und die Kinder zuständig. Irgendwann kam dahingehend ein Umbruch, dass auch die Frauen wieder in den Beruf fanden. Sei es aus finanziellen Gründen oder auch zur Selbstbestimmtheit oder aus Freude am eigenen Job. Das Merkwürdige? Die Rolle der Väter scheint stehengeblieben zu sein, zumindest in unseren Köpfen.

Gleichberechtigte Elternschaft? Die Rolle der Väter scheint stehengeblieben zu sein, zumindest in unseren Köpfen.

Gleichberechtigte Elternschaft? Die Rolle der Väter scheint stehengeblieben zu sein, zumindest in unseren Köpfen.

Ok, soweit nichts Neues, haben wir alles schon oft gelesen und auch schon oft darüber nachgedacht.

Die Tatsache, dass diese Männer keine Babysitter sind, sondern Väter, hat oft noch nicht in unsere Sprache Einzug gehalten. Als Ruben Elternzeit genommen hat, war er „sooo ein toller Papa“. Als ich Elternzeit genommen habe, war das vollkommen selbstverständlich. Und es wird noch besser: In seiner Arbeit hatte das überhaupt keinen Nachteil, für meine Karriere allerdings schon. Da Studentinnen weder Anspruch auf Mutterschutz noch auf Elternzeit haben, bin ich dort auf mehreren Umwegen einfach raus geflogen. Dass mir die Kindheit meiner Tochter das vollkommen wert war, dafür hat mich trotzdem keiner bejubelt. War ja vollkommen klar, dass die Mama bei dem Kind bleibt. Ich will damit gar nicht sagen, dass ich die Zeit mit meinem Kind nicht unglaublich genossen habe – ganz im Gegenteil. Ich möchte damit aufzeigen, dass es auf die Menschen um uns herum eine ganz unterschiedliche Wirkung hat, ob ein Mann oder eine Frau Elternzeit einreicht.

Warum ist unsere Gesellschaft von einer gleichberechtigten Elternschaft noch so weit entfernt?

Kürzlich laß ich einen Artikel über „Die Schuld der Mütter“. Ui, dachte ich. Ich als Systemische Therapeutin lese etwas über Schuld. Ich hatte mich innerlich schon ein wenig aufgeblasen, bis ich tatsächlich einen (für mich) wahren Kern in diesem Artikel erkennen konnte.

Die Aussage war im Prinzip, dass Frauen gerne für ihre Kinder in Elternzeit gehen. Egal an welchem Punkt ihre Karriere gerade steht. Es scheint, als sei ein Gedanke tief in uns verankert: Wir Mütter sind es, die hauptsächlich die Verantwortung für die Erziehung unserer Kinder tragen. Wenn Männer für die Erziehung ihrer Kinder Zuhause bleiben, scheint die weitläufige Meinung häufig eine Andere zu sein. „Ach, schön dass das dein Arbeitgeber mitmacht. Bei mir geht das ja auch diesen/jenen Gründen nicht.“ Klar, Rubens Chef hat ihn ja quasi mit einer Tüte Windeln aus dem Büro geschmissen und war von dem Gedanken ganz angetan, dass er seine Arbeitskraft nun zwei Monate weniger hat. Nicht.

Aber nochmal zurück zur „Schuld“

Oder um es anders auszudrücken: zur unserer Mitverantwortung. Diese bewirkt, dass wir noch lange nicht bei einer gleichberechtigten Elternschaft angekommen sind. Und Frauen tolerieren diese kollektive Meinung häufig. Oft höre ich von Frauen dass es ja schade, aber auch vollkommen klar sei, dass der Mann keine Elternzeit nehmen kann. Und das obwohl sie einen ähnlich „wichtigen“ Posten wie ihre Männer haben oder sogar besser verdienen. Zu wichtig ist der Punkt in der Karriere. Zu uneinsichtig ist der Chef. Und zu groß ist die Angst, auf kein Verständnis zu treffen. Ganz gleich, ob die Frau genau das gleiche in Kauf genommen hat. Eine etwa gleiche Verteilung der Elternzeit oder der Arbeitszeit ist für viele undenkbar.

Das gleiche Verhalten von Eltern nehme ich im Übrigen auch bei Krankheit des Kindes wahr. Ganz selbstverständlich ist es heute leider immer noch nicht, dass Väter Zuhause bleiben, um das kranke Kind zu betreuen, obwohl ihnen die gleiche Anzahl an Tagen zusteht, wie der Frau.

Wie sind die Rahmenbedingungen für gleichberechtigte Elternschaft in unserer Gesellschaft?

Nun, ehrlich gesagt gar nicht mehr so schlecht. Es gibt und gab in den letzten Jahrzehnten in Deutschland beispielsweise eine erhebliche Stärkung der Gleichberechtigung und der Arbeitnehmerrechte. Dazu zählt das Recht, als Arbeitnehmer von Vollzeit in Teilzeit zu wechseln. Und jüngst, über das „Brückenteilzeitgesetz“ bald auch wieder in Vollzeit zurückkehren zu können.

Vor allem für Familien hat sich aber viel getan. Eltern steht in Deutschland eine lange Elternzeit zu, in der man finanziell unterstützt wird. Es gibt Kindergeld und Elterngeld. Mehr Flexibilität und die Möglichkeit, das Elterngeld über einen längeren Zeitraum auszudehnen gibt es über das „Elterngeld Plus„. Und ggf. noch den Partnerschaftsmodus. Diese Werkzeuge sollen Eltern bei der familiengerechten Verteilung der Arbeitszeit helfen. Besonders hilfreich ist es, wenn beide Eltern in Eltern-Teilzeit gehen wollen. Da die Details kompliziert sind, kann man sich dazu von eigens eingerichteten Stellen dazu kostenlos beraten lassen. Auch und vor allem vor Ort. In manchen Ländern gibt es zusätzliche Unterstützung, z.B. das Bayrische Familiengeld.

Aber auch bei der Infrastruktur hat sich viel getan. Es gibt mehr KiTa Plätze und einen rechtlichen Anspruch darauf. Alternativ gibt es ein Betreuungsgeld.

Warum machen wir es hinsichtlich gleichberechtigter Elternschaft dann nicht einfach „besser als alle anderen“?

So, und nun wage ich mal einen Blick in den Spiegel. Ruben und ich fahren ja gerade auch ein sehr traditionelles Familienbild. Ganz ehrlich, ich habe meine Elternzeit in vollen Zügen genossen. Aber natürlich hätte Ruben auf diese wunderbare Zeit mit unserer Kleinen genauso ein Recht gehabt wie ich. Leider kann bei uns jedoch keine Familie vom dem Gehalt einer Erzieherin leben. Trotz Familienförderung. Vom Gehalt eines Ingenieurs allerdings schon. Auch uns trifft dabei also der große Unterschied der Gehälter von Mann und Frau in Deutschland. Elternzeit ist leider oft auch eine Frage des Geldes. Und wir hätten uns einfach kein anderes Modell als das Traditionelle leisten können.

Aber jetzt kommt doch das Entscheidende: Unsere Kleine wird älter und wir werden beide wieder arbeiten. Wir werden unterschiedlich verdienen und je nach Arbeitsinhalt mal wichtige, stressige und unausweichliche Termine haben.

An welcher Stelle machen wir es heute hinsichtlich gleichberechtigter Elternschaft schon ganz gut?

Der springende Punkt ist dann, dass wir uns gleichberechtigt gegenüber sitzen und gemeinsam überlegen, wie wir die Situation für uns als Familie bewältigen können. Und das ohne, dass die Karriere des einen wichtiger ist als die des Anderen. Denn: Unsere Tochter ist genauso seine Tochter, wie meine. Für Ruben bedeutet das bestimmt, dass er das ein oder andere Mal schief angeschaut wird, wenn er den Schreibtisch verlässt, um mit der Kleinen die nächste Magen-Darm-Grippe durchzustehen. Je mehr Väter aber genau dies in Zukunft tun werden, desto eher wird sich eventuell etwas an diesen Rollenklischees ändern. Ich für meinen Teil fände das wirklich sehr, sehr erstrebenswert. Vor allem unsere Kinder, die Mutter und Vater gleichermaßen brauchen. Und für unsere Gesellschaft, der mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern auch ganz gut stehen würde.

Bitte versteht mich nicht falsch! Jede Familie muss es nur sich selbst recht machen. Es gibt sicherlich kein Modell, dass für alles richtig und passend ist. Mit diesem Artikel möchte ich aber aufzeigen, welches weitverbreitete Denken und Handeln ich unter jungen Eltern wahrnehme. Und ich möchte euch dazu einladen, an der ein oder anderen Stelle mal umzudenken und manche Wege nicht pauschal abzulehnen.

Und meiner Freundin? Die umarme ich. Und sage ihr, dass die Kleine keinen Babysitter, aber einen ganz tollen Papa hat.

 

Du bist neugierig geworden auf unsere Ansichten rund um das Thema Familienleben? Dann schau doch mal rein in unsere Rubrik Gedanken zum Familienleben. Wir freuen uns auf deinen Besuch!

 

 

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